Online-Psychotherapie – Scharlatanerie oder empfehlenswert?

23. August 2015
Online-PsychotherapieOnline-Psychotherapie - Hilfe oder Scharlatanerie?

Psychotherapien helfen vielen traumatisierten Menschen beziehungsweise Personen mit Verhaltensauffälligkeiten, diese in den Griff zu bekommen. Allerdings sind die Wartelisten von Psychotherapeuten bis zum Anschlag gefüllt und spontane Termine nahezu ausgeschlossen. Deshalb werden alternative Konzepte erprobt, die Sofort-Hilfen versprechen, beispielsweise die so genannte Online-Psychotherapie. Kritiker indes sehen diese Entwicklung mit Sorge.

„net-step“ als Alternative zur regulären Psychotherapie

Personen mit Depressionen sind vielfach nicht in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Sofern dann noch der passende Therapieplatz zur Behandlung der Depression fehlt, bleibt häufig nur der stationäre Aufenthalt in einer psychiatrischen Fachklinik. Um der stationären Aufnahme zu entgehen, gibt es jetzt ein Modellprojekt, das die so genannte Internet-Psychotherapie verspricht. Das Projekt ruft jedoch zahlreiche Kritiker auf den Plan. Das St. Alexianer-/St. Josef- Krankenhaus in Neuss (NRW) hat zusammen mit Wissenschaftlern eine Studie bei Patienten mit Depressionen durchgeführt, die als “net-step“ bezeichnet wird. Hierbei erfolgt die psychotherapeutische Betreuung nicht vor Ort in einer Praxis, sondern über das Internet.

Studienergebnis: Heilungschancen auch bei schweren Depressionen

Einer der an der Studie beteiligten Therapeuten, Ulrich Sprick, sagte gegenüber der Presse, dass die Internet-Psychotherapie den Betroffenen sogar bei schweren Depressionen geholfen habe. Sprick leitet die psychologische Zentrumsambulanz der Klinik, an der die Studie “net-step“ umgesetzt wird. Als eines der Ergebnisse der Studie trat zutage, dass die Heilungschancen einer Depression ähnlich erfolgreich sind wie bei einer Verhaltenstherapie in der Praxis. Nach Angaben von Sprick liegen ähnliche Studienergebnisse auch aus dem Ausland vor.

Therapeut antwortete per E-Mail-Nachricht

Über 100 Patienten haben für die Studie eine so genannte kognitive Verhaltenstherapie durchgeführt. In der so genannten kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, bestimmte Wahrnehmungen, Gedanken und Wertungen, die Depressionen, Angst und andere emotionale Stimmungsschwankungen verursachen dahingehend umzugestalten, dass diese in positive Gedanken geführt werden. Im Gegensatz zur regulären Psychotherapie fand dies aber ohne persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht statt. Die Behandlung wurde aber trotz der Verlagerung ins Internet von einem Therapeuten geleitet. Der Patient hatte vor Beginn der Behandlung seinen Therapeuten einmal persönlich kennen gelernt, danach fand der Kontakt lediglich über Nachrichten im Internet statt. Innerhalb von 24 Stunden antwortete der Therapeut auf gestellte Fragen im Netz.

Psychotherapeut kann sich vor Antwort beraten

Nach Angaben der AOK war “net-step“ bundesweit das erste Angebot dieser Art. Befürworter der so genannten Internet-Psychotherapie sehen in dieser Form des Kontakts einen großen Vorteil. Denn nicht der Therapeut bestimmt wann der Kontakt zum Patienten stattfindet, sondern der Patient selbst. Zudem muss der Patient nicht vor Ort in die therapeutische Praxis. Insbesondere Patienten die sich schämen, in eine Praxis zu kommen oder Angst haben, kann diese Form der virtuellen Psychotherapie helfen. Auch der Therapeut hat Vorteile, denn er muss nicht sofort antworten, sondern kann sich bei bestimmten Fragestellungen Zeit lassen, recherchieren oder sich mit einem Kollegen beraten.

Kritiker: Online-Psychotherapie ersetzt kein persönliches Gespräch

Kritiker wie der Psychoanalytiker Jürgen Hardt sehen diese Form der Psychotherapie allerdings skeptisch. Denn auch wenn sich die Patienten durch die Online-Hilfe besser verstanden fühlen, Psychotherapeuten, könnten durch das zeitverzögerte Antworten eigene Überforderungen oder fachliche Schwächen kaschieren. Zudem gab es auch Patienten, die offen ausgesprochen haben, dass es in Ihnen Dinge gäbe, die “tieferliegen“. Dies hätte die Internet-Therapie nicht beseitigt, so Betroffene. Auch die Befürworter der Online-Psychotherapie geben offen zu, dass ein persönliches Gespräch durch diese Form der Therapie nicht vollständig ersetzt werden kann.

Insbesondere die fehlende Mimik und Gestik können nur von Angesicht zu Angesicht durch den Psychotherapeuten wahrgenommen werden. Auch ist es durch die Online-Therapie schwer, Empfindungen des Patienten wie beispielsweise Suizidgedanken wahrnehmen zu können. Fachleute sind sich aber darin einig, dass eine Online-Psychotherapie, wenn sie von demselben ausgebildeten Psychotherapeuten durchgeführt wird wie eine ambulante Psychotherapie in der Praxis, durchaus Erfolge verzeichnet. Insofern dürfte insbesondere in ländlichen Regionen das Konzept zukünftig in weitere Erprobungsphasen gehen.

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