Lebensmittelunverträglichkeiten sind neuer Lifestyle-Trend

5. Mai 2014
Gesundheitelektronische Gesundheitskarte

Gluten, Fructose, Lactose – immer mehr natürliche Inhaltsstoffe in Lebensmitteln werden dämonisiert und als Gesundheitsgefahr angesehen. Unverträglichkeiten liegen im Trend und die Nachfrage nach entsprechenden „freien“ Lebensmitteln steigt stetig an.

Fakt ist: Medizinisches Fachwissen zu Lebensmittelunverträglichkeiten ist deutlich fundierter als noch vor zwanzig Jahren. Auch sind die Möglichkeiten der Diagnostik inzwischen genauer und präziser, sodass sich bereits nach dreißig Minuten eine Unverträglichkeit feststellen lässt. Es werden Unverträglichkeiten diagnostiziert, die noch vor zwanzig Jahren vom Arzt mit dem Tipp einer helfenden Wärmflasche lächelnd abgetan wären. Doch die steigende Zahl der Diagnosen hat in der gesundheitsbewussten modernen Gesellschaft eine Welle der Hypochondrie ausgelöst. Heutzutage gehört es fast zum guten Ton das ein oder andere nicht zu vertragen.

Unverträglichkeiten als Modeerkrankung

Der moderne trendbewusste Mensch achtet auf sich, sein physische sund psychisches Wohlbefinden. Er treibt Yoga, um innere Ausgeglichenheit und Balance zu finden und kauft im Bioladen oder auf dem Wochenmarkt. Das ist nicht nur aus ethischer und moralischer Sicht vertretbar, sondern auch ohne Gentechnik und Zusatzstoffe, und somit gesünder. Und genau darum geht es dem hippen modernen Menschen: die eigene Gesundheit. Sie muss im Sinne der Selbstoptimierung gepflegt und gefördert werden, um die bestmöglichste körperliche und geistige Leistungssteigerung zu erzielen.

Ernährung steht hierbei an erster Stelle. Während vor zehn Jahren Verdauungsthemen am Esstisch noch absolutes Tabuthema waren, sind sie heute eins der beliebtesten Gesprächsthemen. Jedes Grummeln im Magen, jedes Ziehen im Bauch wird diskutiert und mit ernster Miene kategorisiert. Wer dazugehören will, ist entweder laktose-, gluten-, oder histaminintolerant. Wer alles klaglos hinunterschluckt und verdaut, gilt als unsensibel und unreflektiert – kurz: von gestern. Munter wird bei den Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet.

Lebensmittelkonzerne nutzen Verunsicherung der Bevölkerung aus

Hinzu kommen populärwissenschaftliche Ernährungssachbücher und -blogs, die derzeit schwer im Trend sind. Sie sorgen mit ihren Angstappellen und gewagten Thesen für eine steigende Verunsicherung in der Bevölkerung. Diese Unsicherheit die durch ständige Lebensmittelskandale noch verstärkt wird, nutzt die Nahrungsmittelindustrie bewusst aus. Die Zahl der Konsumenten von Spezialnahrungsmittel steigt stetig.

Während 2007 nur 6,5 Prozent der Haushalte laktosefreie Produkte kauften, waren es 2012 schon knapp 18 Prozent. Das ergab die jährliche Befragung von 30.000 Haushalten durch die Gesellschaft für Konsumforschung. Hierbei zeigt sich ein extremes Missverhältnis zwischen denen, die laktosefreie Produkte kaufen und jenen, die wahrhaftig an einer Intoleranz leiden. Wie viele Konsumenten in Deutschland glutenfreie Produkte kaufen, ist nicht bekannt. Umfragen aus den USA lassen jedoch einen ähnlichen Trend erkennen: 28 Prozent der Erwachsenen gibt an, kaum oder gar kein Gluten mehr zu verzehren. An Glutenunverträglichkeit leidet jedoch nur weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

„Glutenfrei“ und „laktosefrei“ gilt als gesund

Woher kommt dieser Trend? Was bewegt gesunde Menschen dazu für Lebensmittel ein Vielfaches zu zahlen, nur weil natürliche Bestandteile aus diesen Produkten entfernt wurden. Grund sind die intelligenten Marketingstrategien der Lebensmittelkonzerne. Mit ihren Werbekampagnen und „Frei von“ Slogans wird dem Verbraucher suggeriert, dass Laktose und Gluten schädliche Zusatzstoffe sind und somit die „befreiten“ Produkte deutlich gesünder und qualitativ hochwertiger als die konventionellen Varianten. Im Supermarkt sind die Spezialprodukte oft in der Nähe von Bioprodukten platziert. Dies lässt die oft erhöhten Preise im Vergleich geringer wirken und bekräftigt zusätzlich das gesundes Image.

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